Alltag als Mama, Tiefgang

21, 22, 23

„Mama?“ – schreit es aus dem Nebenzimmer. Ich atme und entscheide nicht direkt zu reagieren. Zu antworten, los zu rennen, das zu unterbrechen, was ich eigentlich gerade tue.

Gestern war ein wirklich schwerer Morgen und ich will euch davon erzählen, weil ich so oft höre, dass es immer so scheint als wäre ich so ruhig. Spoiler: bin ich nicht.

Drei Kinder am Morgen fertig zu machen, wovon eins im Ferienmodus ist, eins in einer vorvorvorpubertären Phase, die hoffentlich bald wieder vorbei ist und eins im „leine“ Modus. „Leine“ steht für allein, selbst oder meins und wird vielfältig verwendet. So ein Morgen war das. Kein Wort kam so, wie ich es gesagt habe bei den Kindern an. Knöpfchen kam zurück und fragte: „Was soll ich nochmal machen?“, nachdem er 15 Minuten weg war und ich dachte es wäre längst erledigt. Sternchen läuft singend und tanzend durch die Gegend und wäre ich nicht so angestrengt, würde ich sie bewundern für ihre Leichtigkeit und ihre Freiheit. Und Bienchen, ja, was soll ich sagen…sie ist nicht mal zwei und hat den Willen eines Elefanten. Ihr Schrei klingelt in meinen Ohren als ich ihr die Fingernägel schneiden möchte und ich lasse es, fürs erste. Irgendwann muss es halt sein.

Und ich weiß nicht was es gestern war, eine Kombination aus vier Temperamenten, meinem schlechten Schlaf und nicht kompatible Vorstellungen von „fertig werden“ vielleicht, aber als wir dann fast im Aufzug waren brach es aus mir heraus. Die Tränen liefen, ich war gleichzeitig erleichtert und erschöpft und fragte mich dann im Nachhinein, was eigentlich das Problem war.

Im Auto gab’s dann Mamas Musik und ja, da konnte ich dann auch wieder ruhig kommunizieren und die Kinder bitten, mir jetzt meinen Raum zu geben und einfach ruhig zu sein, für 30 Minuten, bis wir bei Oma und Opa sind.

Die Musik fanden sie klasse und haben es auch irgendwie verstanden, dass das zu viel war am Morgen. Nicht von einem allein, aber die Summe.

Und oft neige ich dazu, ihre Bedürfnisse, selbst an so einem wilden Morgen über meine zu stellen um das Ziel zu erreichen. Fertig zu werden, los zu kommen, abzufahren. Aufatmen konnte ich erst richtig, als alle drei angeschnallt im Auto saßen. An ihren Gesichtsausdrücken konnte ich sehen, dass ihnen das gerade nicht entgangen ist und sie meine Anspannung deutlich gespürt haben. Sie konnten es gut annehmen, dass jetzt meine Musik läuft und haben plötzlich ganz sanft kommuniziert mit mir.

Natürlich will ich meine Kinder nicht mit meinen Tränen manipulieren. Es war einfach nicht steuerbar. Und das möchte ich dann auch nicht vor ihnen verstecken, weil sie damit umgehen können und ich schon früher an diesem Morgen, hätte sagen können, dass ich eine Pause brauche. Meine innere Kritikerin, Zeitwächterin und Pläneschmiederin treibt mich in solchen Momenten manchmal so an, dass mir schwindelig wird und ich mich frage, wie andere das eigentlich schaffen. Die ich sehe und denke, warum sind die so ruhig? Welches Geheimrezept haben sie und wieso bekomme ich das nicht so hin.

Aber was ich sehe, ist ja der Moment, an dem sich vielleicht schon wieder alles beruhigt hat. Man sich selbst reguliert und Emotionen ausgesprochen hat. Was aber nicht heißt, dass es die lauten und unschönen Momente davor nicht gab.

Ich bin nicht stolz auf den gestrigen Morgen, aber wie ich mit den Kindern da raus gekommen bin und wie der restliche Tag dann verlief. Es hilft nicht, wenn ich es immer nur runterschlucke und wegatme, manchmal muss es raus und meine Kinder können damit umgehen, ihre Mama weinen zu sehen.

Es gibt aber auch Tage da brauche ich andere Methoden, zählen und atmen, einen Witz daraus machen und alle lachen, nicht reagieren wenn es aus einem anderen Raum der Wohnung „Mama“ brüllt, sie haben ja Beine.

Ich bin für meine Kinder da. Verlässlich und sicher. Und ich habe eigene Bedürfnisse, Grenzen und Emotionen, die sein dürfen. Manchmal laut und manchmal leise, aber immer ehrlich.

Es gibt die Momente, die wir von außen sehen und wo alles ruhig scheint, aber wir dürfen uns sicher sein, jede Familie hat ihre Momente, jeder seine Schwächen und es knallt auch mal. Und das ist gut!

Schweigen, weglaufen und Situationen ungeklärt stehen lassen, das ist wirklich verwirrend für Kinder und lässt sie mit dem Gefühl zurück, Schuld zu sein. Viele von uns haben es so erlebt und gelernt. Aber Emotionen zu leben und auszudrücken und sie dann auch zu erklären, ist ein Weg dahin, dass unsere Kinder das auch lernen und tun. Sie merken, es ist ok zu weinen, wenn einem alles zu viel ist. Sie lernen, dass sie ihre Gefühle zeigen und kommunizieren dürfen und das ist doch das, was wir wollen. Ich zumindest. Ich möchte meine Kinder nicht verantwortlich machen für meine Überforderung und Erschöpfung, aber ich möchte, dass sie verstehen, dass an einem Ort, an dem fünf Personen leben immer mal einer schwächer ist und dass man als Familie dann auch füreinander da sein kann. Und wenn es nur fünf Minuten ohne „Mama“ sind oder eine Autofahrt mit meiner Musik. Verständnis füreinander zu entwickeln und die Grenzen des anderen zu akzeptieren und zu wahren sind wirklich große Lernfelder und denen wir uns gerade und wahrscheinlich noch eine ganze Weile bewegen. Das ist anstrengend und heilsam zugleich.

Jetzt sind die beiden Großen ein paar Tage bei Oma und Opa und ich atme ein bisschen auf. Überlege mir neue Strategien für einen einfacheren Alltag. Arbeite an meiner Sprache, denn Sternchen hat mich wissen lassen, dass sie manchmal einfach nicht versteht was ich meine, weil ich so viele Worte brauche. Und darüber bin ich wirklich dankbar, dass sie mir das so klar sagen konnte und ich etwas verändern kann, damit es hoffentlich wieder leichter für uns wird.

Und in all dem, kommen mir immer wieder Momente, in denen ich spüre, dass ich angenommen und getragen bin. Ob es Bibelverse sind oder eine tiefe Sicherheit in Gottes Liebe zu mir. Es trägt mich. Es macht mich weicher und gibt mir in solche Momenten die Kraft, mich nicht zu verlieren. Gott ist gnädig mit mir und ich darf das auch sein.

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